Tibialis-posterior-Insuffizienz (PCFD)
Die Tibialis-posterior-Sehne ist der wichtigste dynamische Stabilisator des Fußlängsgewölbes. Verliert sie durch eine degenerative Schädigung ihre Funktion, flacht das Fußgewölbe allmählich ab und die Ferse knickt zunehmend nach außen, es entsteht der erworbene Plattfuß, für den sich international der Begriff „Progressive Collapsing Foot Deformity" (PCFD) durchgesetzt hat. Im frühen, noch flexiblen Stadium lässt sich die Erkrankung häufig konservativ behandeln; bei fortgeschrittener oder fixierter Fehlstellung kann eine Operation sinnvoll werden. Wir erklären, woran Sie eine Tibialis-posterior-Insuffizienz erkennen und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.
Termin vereinbarenTypische Symptome
Charakteristisch ist ein schleichender Verlauf: Die Beschwerden entwickeln sich meist über Monate bis Jahre und werden anfangs oft als „normale" Ermüdung des Fußes fehlgedeutet.

Im Frühstadium stehen häufig Schmerzen und eine Schwellung entlang der Innenknöchelregion im Vordergrund, dort, wo die Tibialis-posterior-Sehne verläuft. Viele Betroffene bemerken zudem eine zunehmende Ermüdung des Fußes bei längerem Gehen oder Stehen sowie eine sich langsam absenkende Fußlängswölbung.
Ein typisches klinisches Zeichen ist das sogenannte „zu viele Zehen"-Zeichen: Betrachtet man die Füße von hinten im Stehen, sind bei einer fortgeschrittenen Fehlstellung mehr Zehen seitlich sichtbar als am gesunden Fuß, weil der Vorfuß nach außen gedreht ist. Im weiteren Verlauf nimmt die Fehlstellung häufig an Ausprägung zu und wird zunehmend steifer, aus einer anfangs noch flexiblen, passiv ausgleichbaren Absenkung des Gewölbes kann eine fixierte, nicht mehr korrigierbare Fehlstellung werden. In fortgeschrittenen Stadien können zusätzlich Schmerzen im Bereich des Außenknöchels auftreten, wenn Ferse und Fersenbein gegen das Wadenbein anstoßen.
Was steckt dahinter?
Die Sehne als Stabilisator des Fußgewölbes
Die Tibialis-posterior-Sehne verläuft von der Wadenmuskulatur hinter dem Innenknöchel zur Fußsohle und setzt vor allem am Kahnbein an. Sie ist der wichtigste dynamische Stabilisator des Fußlängsgewölbes und hält die Ferse beim Gehen in einer stabilen, leicht nach innen gedrehten Position. Kommt es zu einer degenerativen Schädigung dieser Sehne, verliert sie zunehmend ihre stützende Funktion. In der Folge senkt sich das Fußlängsgewölbe ab, die Ferse knickt nach außen, und der Vorfuß dreht sich nach außen, es entsteht das Bild des erworbenen Plattfußes, für das sich der Fachbegriff Progressive Collapsing Foot Deformity (PCFD) etabliert hat, weil er verdeutlicht, dass es sich um eine fortschreitende Fehlstellung des gesamten Fußes und nicht allein um ein Sehnenproblem handelt.
Ursachen und Risikofaktoren
Eine Tibialis-posterior-Insuffizienz entsteht meist durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren:
- Degenerative, altersbedingte Veränderungen der Sehne, häufig ab dem mittleren Lebensalter
- Übergewicht als zusätzliche mechanische Belastung des Fußgewölbes
- Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder entzündlich-rheumatische Erkrankungen, die die Sehnenqualität beeinträchtigen können
- Eine bereits bestehende Veranlagung zum Senk- oder Plattfuß
- Seltener eine akute Verletzung oder Überlastung der Sehne
Frauen sind insgesamt etwas häufiger betroffen als Männer, meist jenseits des 40. Lebensjahres.

Das Wichtigste in Kürze
UntersuchungWie finden wir die Ursache?
Klinische Untersuchung
Der Fuß wird zunächst im Stehen und Gehen betrachtet, unter anderem im Hinblick auf das „zu viele Zehen"-Zeichen von hinten. Ein wichtiger Test ist der Einbein-Zehenstand: Gelingt es nicht oder nur mit deutlicher Kraftminderung, sich auf dem betroffenen Fuß allein auf die Zehenspitzen zu stellen, spricht dies für eine relevante Funktionsstörung der Sehne. Zusätzlich wird geprüft, ob sich die Fehlstellung der Ferse im Sitzen oder beim Anheben noch passiv ausgleichen lässt (flexible Fehlstellung) oder nicht mehr (fixierte Fehlstellung), eine für die Behandlungsplanung entscheidende Unterscheidung.
Bildgebung
Ein Röntgenbild des Fußes und Sprunggelenks im Stehen zeigt das Ausmaß der Fehlstellung sowie eventuelle Begleitveränderungen an den benachbarten Gelenken. Eine Magnetresonanztomographie (MRT) kann den Zustand der Tibialis-posterior-Sehne selbst, etwa Entzündungszeichen, Auffaserungen oder einen Riss, sowie begleitende Bandschäden am Innenknöchel darstellen. Vor einer geplanten Operation kann ergänzend eine Computertomographie (CT) sinnvoll sein, um die knöcherne Situation genauer zu planen.
Stadieneinteilung
Die Erkrankung wird üblicherweise in Stadien eingeteilt, die sich vor allem daran orientieren, wie ausgeprägt die Fehlstellung ist und ob sie noch flexibel oder bereits fixiert ist. Vereinfacht lässt sich unterscheiden zwischen einer frühen, noch flexiblen Fehlstellung, bei der Ferse und Fußgewölbe passiv noch in eine normale Position gebracht werden können, und einer fortgeschrittenen, fixierten Fehlstellung, die sich nicht mehr passiv korrigieren lässt und häufig von einer beginnenden Arthrose der Nachbargelenke begleitet wird. Diese Einordnung ist für die Wahl der passenden Behandlung von zentraler Bedeutung.
Ohne OperationKonservative Behandlung
Die meisten Beschwerden an Fuß und Sprunggelenk lassen sich zunächst ohne Operation behandeln. Idealerweise sollten die verschiedenen konservativen Therapiemöglichkeiten dabei mit den Möglichkeiten der interventionellen und regenerativen Medizin zu einem Zeitpunkt kombiniert werden, um das bestmögliche Behandlungsergebnis zu erzielen.
Klassische Schmerztherapie und Physiotherapie
Zur konservativen Therapie nutzen wir die orale Schmerzmedikation und Physiotherapie als Basis zur Verbesserung Ihrer Beschwerden.
Medikamentöse Schmerztherapie
Kurzfristig eingesetzt, um akute Beschwerden zu lindern und Bewegung wieder zu ermöglichen.
Physiotherapie und medizinische Trainingstherapie
Gezielte Übungen zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur, Verbesserung der Beweglichkeit und Schmerzlinderung, unter therapeutischer Anleitung strukturiert aufgebaut.
Individuelle Einlagenversorgung
Eine individuell angefertigte Einlage mit gezielter Innengewölbestütze entlastet die geschädigte Sehne, indem sie das Fußlängsgewölbe von unten unterstützt und die Fehlstellung der Ferse mitkorrigiert.
Schuhversorgung
Stabile Schuhe mit fester Fersenkappe und ausreichender Führung, bei Bedarf ergänzt durch eine orthopädische Schuhzurichtung, unterstützen die Fußstatik im Alltag.
Orthesen bei stärkerer Beschwerdesymptomatik
Bei ausgeprägteren Beschwerden oder Instabilität kann eine stützende Knöchel-Fuß-Orthese vorübergehend oder dauerhaft die Ferse führen und die Sehne entlasten.
Wenn nötigOperative Behandlung
Operationsverfahren
Sehnenrekonstruktion
Die geschädigte Tibialis-posterior-Sehne wird operativ wiederhergestellt oder durch den Transfer einer benachbarten Sehne ersetzt bzw. verstärkt, um die dynamische Stabilisierung des Fußgewölbes wiederherzustellen.
Calcaneus-Osteotomie
Eine gezielte Durchtrennung und Versetzung des Fersenbeins korrigiert die Achsfehlstellung der Ferse und verbessert die Hebelverhältnisse für die rekonstruierte Sehne.
Plattfuß-/Knick-Senkfuß-Korrektur bzw. Arthrodese
Bei bereits fixierter Fehlstellung oder begleitender Arthrose der Nachbargelenke kann eine umfassendere Korrektur des Fußgewölbes oder die Versteifung (Arthrodese) einzelner Fußwurzelgelenke notwendig werden, um eine stabile, schmerzarme Fußform zu erreichen.
Wann rasch zum Arzt?
Frühzeitige Abklärung lohnt sich
Eine Tibialis-posterior-Insuffizienz ist in aller Regel kein akuter Notfall, entwickelt sich aber fortschreitend. Da eine flexible, noch nicht fixierte Fehlstellung deutlich mehr Behandlungsoptionen bietet als eine bereits verfestigte, sollten Sie in folgenden Situationen zeitnah ärztlichen Rat suchen:
- Anhaltende oder zunehmende Schmerzen entlang der Innenknöchelregion, insbesondere über mehrere Wochen
- Ein sichtbar zunehmendes Abflachen des Fußgewölbes oder eine sich verstärkende Fehlstellung der Ferse
- Plötzlich einsetzende, starke Schwellung und Schmerzen nach einer Verletzung oder Überlastung, als Hinweis auf eine akute Verschlechterung der Sehne
- Deutliche Rötung, Überwärmung oder Fieber im Bereich des Innenknöchels als mögliches Zeichen einer Entzündung
Bei Diabetes oder einer bekannten Durchblutungsstörung sollten Fußbeschwerden generell frühzeitig und nicht erst bei starken Symptomen abgeklärt werden.
Ihre Spezialisten für Fuß & Sprunggelenk
Häufig gestellte Fragen
Muss eine Tibialis-posterior-Insuffizienz immer operiert werden?
Nein. Im frühen, flexiblen Stadium lässt sich die Erkrankung häufig konservativ mit Einlagen, Schuhversorgung und Physiotherapie behandeln. Eine Operation wird vor allem bei fixierter Fehlstellung oder anhaltenden Beschwerden trotz konservativer Therapie erwogen.
Woran erkenne ich, ob mein Plattfuß noch flexibel oder schon fixiert ist?
Diese Unterscheidung erfordert eine klinische Untersuchung, bei der geprüft wird, ob sich die Fehlstellung der Ferse passiv noch ausgleichen lässt. Eine sichere Einschätzung ist daher nur durch einen Facharzt möglich, nicht durch reine Selbstbeobachtung.
Ist der erworbene Plattfuß dasselbe wie der kindliche Knick-Senkfuß?
Nein. Der kindliche Knick-Senkfuß ist meist ein flexibler, oft physiologischer Befund im Wachstum, der sich häufig von selbst zurückbildet. Die Tibialis-posterior-Insuffizienz ist eine im Erwachsenenalter erworbene, strukturelle Sehnenschädigung mit typischerweise fortschreitendem Verlauf.
Helfen Einlagen bei jeder Fehlstellung gleich gut?
Einlagen mit Innengewölbestütze wirken vor allem im flexiblen Frühstadium unterstützend. Bei bereits fixierter Fehlstellung können sie die Beschwerden zwar mildern, die zugrunde liegende Fehlstellung aber nicht mehr korrigieren.
Wie lange bin ich nach einer Operation nicht arbeitsfähig?
Das hängt stark vom durchgeführten Verfahren, Ihrem beruflichen Belastungsprofil und dem individuellen Heilungsverlauf ab und wird üblicherweise über mehrere Wochen bis Monate geplant. Die genaue Dauer bespricht Ihr behandelnder Arzt individuell mit Ihnen.
Kann ich nach der Operation wieder Sport treiben?
Viele sportliche Aktivitäten sind nach vollständiger Heilung wieder möglich. Der Zeitpunkt richtet sich nach der knöchernen und Sehnenheilung sowie dem gewählten Verfahren und wird individuell mit Ihnen abgestimmt.
Kann die Fehlstellung nach einer Operation wiederkehren?
Ein gewisses Risiko für ein erneutes Fortschreiten besteht, insbesondere wenn Risikofaktoren wie Übergewicht oder eine ausgeprägte Bindegewebsschwäche bestehen bleiben. Eine an den individuellen Befund angepasste Verfahrenswahl kann dieses Risiko mit beeinflussen.